{"Signatur": "CH_VB_999", "Spider": "CH_VB", "Datum": "2010-10-08", "PDF": {"Datei": "CH_VB/CH_VB_999_150000206_2010-10-08.pdf", "URL": "https://www.amtsdruckschriften.bar.admin.ch/viewOrigDoc/150000206.pdf?ID=150000206", "Checksum": "a1d516d99136ba488865365498e65352"}, "Scrapedate": "2026-03-20", "Num": ["150000206"], "Kopfzeile": [{"Sprachen": ["de"], "Text": "Verwaltungspraxis der Bundesbehörden (1987-2017) sonstige Behörden 08.10.2010 150000206"}, {"Sprachen": ["fr"], "Text": "Jurisprudence des autorités administratives de la Confédération (1987-2017)  autres autorités 08.10.2010 150000206"}, {"Sprachen": ["it"], "Text": "Giurisprudenza delle autorità amministrative della Confederazione (1987-2017) altre autorità 08.10.2010 150000206"}], "Meta": [{"Sprachen": ["de"], "Text": "Eidgenossenschaft Verwaltungspraxis der Bundesbehörden (1987-2017) sonstige Behörden"}, {"Sprachen": ["fr"], "Text": "Conféderation Jurisprudence des autorités administratives de la Confédération (1987-2017)  autres autorités"}, {"Sprachen": ["it"], "Text": "Confederazione Giurisprudenza delle autorità amministrative della Confederazione (1987-2017) altre autorità"}, {"Sprachen": ["de", "fr", "it"], "Text": "Rainer J. 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B.II.4 ausgeführt, kann sich die Schweiz eigentlich nicht entscheiden, jegliche Verteidigungskompetenz aufzugeben, nicht weil eine \"unbewaffnete Neutralität\", wie sie Costa Rica be-\n174\nschlossen hat , nicht denkbar ist, sondern weil der Staat seine fundamentalen Schutzpflichten immer\nwahrnehmen muss, gerade auch im Falle eines Staatsnotstandes.\n\n4. Neuere Neutralitätsrechtsfragen\nSchon bald nach der Errichtung der UN-Friedensordnung nach dem 2. Weltkrieg wurde deutlich, dass\ndas Neutralitätsrecht als ein die Auswirkungen von bewaffneten Konflikten zwischen einzelnen Staaten begrenzendes Kriegsrecht in dem auf die kollektive Sicherung des Friedens und den Schutz der\nMenschenrechte ausgerichteten System der UN-Charta nur noch begrenzt Geltung beanspruchen\n175\nkonnte. Klar wurde insbesondere, dass neutralitätsrechtliche Pflichten grundsätzlichen keinen\nRechtsgrund abgeben, friedenssichernde Massnahmen des UN-Sicherheitsrates nach Kap. VII UN-\n176\nCharta nicht umzusetzen. Gewisse Auffassungen gingen sogar dahin, dass die Beibehaltung der\nNeutralitätspolitik gerade für den Kleinstaat Schweiz in einer Welt kollektiver Friedenssicherung und\n177\neiner immer stärkeren europäischen Integration nicht mehr von Nutzen sei. Unbestreitbar ist im\nÜbrigen, dass die Einhaltung der Neutralitätsverpflichtungen dazu führen kann, dass ein Aggressor\nfaktisch begünstigt wird und die Opfer einer solchen Aggression direkt im eigenen Land, indirekt auch\n178\nim Ausland nicht geschützt werden. Zudem hindern die Neutralitätsverpflichtungen die Schweiz und\nandere Staaten unter Umständen nicht, die Pflicht zur Gleichbehandlung der Konfliktparteien aus ver-\n179\nschiedenen Gründen zu unterlaufen.\nDennoch ist es im Laufe der Jugoslawienkriege und längstens danach im 2. Irakkrieg und in den bewaffneten Konflikten in Afghanistan, am Kaukasus, im Nahen Osten und in Afrika zu einer gewissen\n180\nNeubewertung des Neutralitätsrechts und der Neutralitätspolitik gekommen. Namentlich hat sich\ngezeigt, dass sich der UN-Sicherheitsrat zwar ständig und in unersetzlicher Weise um die Konfliktbegrenzungen bemüht, aber eben manche Konflikte nicht oder nicht überzeugend verhindern und beenden kann. Deshalb sind die Schweiz und andere dauernd neutrale Staaten immer wieder herausgefordert, bei der Umsetzung der friedenssichernden Anordnungen der UN oder bei deren Fehlen und\nUngenügen praktische Entscheidungen der Aussen- und Sicherheitspolitik (z.B. betreffend Überflugrechte oder Waffenembargo) an den Vorgaben des Menschenrechtsschutzes und insbesondere des\n181\nhumanitären Völkerrechts zu messen sowie den Sinn und Geist der Neutralitätspolitik zu beachten.\n173\nDazu SAXER, SG Komm., Art. 185 Rz. 11 ff.\n174\nZur unbewaffneten Neutralität von Costa Rica vgl. ANDRÉ TINOCO, S. 175 ff.; BRUNNER, S. 98 ff., 116 ff.\n175\nSo D. SCHINDLER, Neutralité, in RdC 1967 II, S. 243 ff.; später z.B. RIKLIN, Dauernde Neutralität, in: JöR 1991/92, bes.\nS. 42 ff.; KOLB, S. 224 ff.; vgl. auch BBl 1994 I 206, Neutralitätsbericht, S. 220 ff.\n176\nDazu etwa D. SCHINDLER, Kollektive Sicherheit, in: SZIER 4/1992, S. 467 ff.; THÜRER, UN Enforcement Measures, in:\nAVR 1992, S. 31 ff.; BBl 1994 I 206, Neutralitätsbericht, S. 225 ff.; MALINVERNI, in: ZSR 1998 II, S. 109 ff.; DOEHRING, S. 273 f.\n177\nMALINVERNI, in: ZSR 1998 II, S. 118ff.\n178\nDOEHRING, S. 274 f.\n179\nWeiterführend dazu CHADWICK, S. 294 ff.; DINSTEIN, War, Aggression and Self-Defence, S. 163 ff.; IPSEN, in: Ipsen, § 73\nRz. 28; KOLB, S. 227 ff. m.w.H.\n180\nSo etwa NEFF, S. 196 ff., 215 ff.; IPSEN, in: Ipsen, § 73 Rz. 29.\n181\nVgl. SZIER, Bd. 14, 2004, S. 710 ff.; BBl 2005 6997, Bericht Neutralität im Irak-Konflikt, S. 6997 ff.\n\nVPB/JAAC/GAAC 2010, Ausgabe vom 1. Dezember 2010 132\nGutachten Rainer J. Schweizer/Jan Scheffler/Benedikt van Spyk\n\n"}