{"Signatur": "CH_VB_999", "Spider": "CH_VB", "Datum": "2005-02-25", "PDF": {"Datei": "CH_VB/CH_VB_999_150000131_2005-02-25.pdf", "URL": "https://www.amtsdruckschriften.bar.admin.ch/viewOrigDoc/150000131.pdf?ID=150000131", "Checksum": "3c93c46b30621483a7c66c07493abb5c"}, "Scrapedate": "2026-03-20", "Num": ["150000131"], "Kopfzeile": [{"Sprachen": ["de"], "Text": "Verwaltungspraxis der Bundesbehörden (1987-2017) sonstige Behörden 25.02.2005 150000131"}, {"Sprachen": ["fr"], "Text": "Jurisprudence des autorités administratives de la Confédération (1987-2017)  autres autorités 25.02.2005 150000131"}, {"Sprachen": ["it"], "Text": "Giurisprudenza delle autorità amministrative della Confederazione (1987-2017) altre autorità 25.02.2005 150000131"}], "Meta": [{"Sprachen": ["de"], "Text": "Eidgenossenschaft Verwaltungspraxis der Bundesbehörden (1987-2017) sonstige Behörden"}, {"Sprachen": ["fr"], "Text": "Conféderation Jurisprudence des autorités administratives de la Confédération (1987-2017)  autres autorités"}, {"Sprachen": ["it"], "Text": "Confederazione Giurisprudenza delle autorità amministrative della Confederazione (1987-2017) altre autorità"}, {"Sprachen": ["de", "fr", "it"], "Text": "Kiener Regina/Durrer Beatrice/Fässler Stéphanie/Krüsi Melanie"}], "ScrapyJob": "446973/70/126", "Zeit UTC": "20.03.2026 01:21:00", "Checksum": "20eb86c3bb0c396d74b97fdac205eb1a", "Chunktext": "Auszug aus dem Entscheid Verwaltungspraxis der Bundesbehörden (1987-2017) sonstige Behörden 25.02.2005 150000131\n\n2. Recht auf Hilfe in Notlagen (Art. 12 BV)\nWer in Not gerät und nicht in der Lage ist, für sich zu sorgen, hat Anspruch auf Hilfe\nund Betreuung und auf die Mittel, die für ein menschenwürdiges Dasein unerlässlich\nsind. Mit Art. 12 BV wurde das Grundrecht auf Existenzsicherung, wie es vom Bundesgericht 1995 als ungeschriebenes Verfassungsrecht anerkannt wurde 13, ausdrücklich in die Bundesverfassung aufgenommen. Jeder Person, die in Not ist, wird\neine minimale Unterstützung garantiert. Die Unterstützung kann dabei sowohl materieller Art (Obdach, Nahrung, Kleidung, medizinische Betreuung) wie auch persönlicher Art (Betreuung bzw. Hilfe sozialer und psychologischer Art) sein 14. Geleistet\n\n6\nAB 1998 [Separatdruck] N 191 ff.\n7\nAB 1998 [Separatdruck] N 192 f.\n8\nNach PASCAL MAHON könnte der Begriff «Kinder» in Übereinstimmung mit der Kinderrechtskonvention die Minderjährigen umfassen, doch stelle sich dann die Frage, wer mit «Jugendliche» gemeint sei. Vgl. JEAN-FRANÇOIS\nAUBERT/PASCAL MAHON, Petit commentaire de la Constitution fédérale de la Confédération suisse, Zürich 2003,\nArt. 11 Rz. 3.\n9\nULRICH HÄFELIN GEORG HALLer, Schweizerisches Bundesstaatsrecht, Zürich 2001, Rz. 910.\n10\nHEINRICH KOLLER, Einleitungstitel, AJP 1999 S.656 ff., S. 664.\n11\nLUZIUS MADER, Die Sozial- und Umweltverfassung, AJP 1999, S. 701.\n12\n2P.324/2001 vom 28.3.2002 E. 4.2; BGE 129 I 12 E. 10.5.3 S. 32.\n13\nBGE 121 I 367.\n14\nAUBERT/MAHON, a.a.O., Art. 12 Rz. 3.\n\nVPB/JAAC/GAAC 2008 19\nGutachten\n\nwird, was im konkreten Fall für ein menschenwürdiges Leben und die menschliche\nEntfaltung unerlässlich ist 15.\nDas Recht auf Hilfe in Notlagen garantiert indessen nur ein Minimum an staatlicher\nLeistung 16. Leistungen über dieses Minimum hinaus werden nicht vom sachlichen\nGeltungsbereich von Art. 12 BV erfasst, sondern nach der anwendbaren Sozialhilfegesetzgebung ausgerichtet. Der vollständige Entzug von Sozialhilfeleistungen stellt,\nsofern das verfassungsrechtliche Minimum unterschritten wird, nach Bundesgericht\neinen Eingriff in das Recht auf Hilfe in Notlagen dar 17. So gesehen ist Art. 12 BV Bestandteil der Sozialhilfe und bezeichnet das absolut erforderliche Minimum, das für\neine menschenwürdige Existenz unabdingbar ist.\nDie Bestimmung lässt offen, was konkret unter einer Notlage zu verstehen ist, und\ndefiniert weder Umfang noch Tragweite der Hilfe. Bundesrat und Parlament haben\nauf eine nähere Begriffsbestimmung verzichtet, weil eben gerade nicht eine bestimmte Leistung (z.B. zur Sicherung des Existenzminimums im Sinne der Richtlinien der\nSchweizerischen Konferenz für Sozialhilfe) garantiert werden soll 18. Vielmehr ist in\njedem Einzelfall gesondert zu beurteilen, ob objektiv Mittellosigkeit gegeben und in\nwelchem Umfang Hilfe zu gewähren ist 19.\nDer Beisatz «... und nicht in der Lage ist, für sich zu sorgen, ...» geht vom Grundsatz\nder Eigenverantwortlichkeit (Art. 6 BV) und damit von der Subsidiarität der staatlichen Hilfeleistung aus. Demnach hat nur Anrecht auf Leistungen, wer sich nicht aus\neigenen Kräften aus der Notlage befreien kann.\nFestzuhalten ist schliesslich, dass jeder Mensch, der sich im Hoheitsgebiet der\nSchweiz aufhält, Träger des Rechts ist, unabhängig davon, ob er die Notsituation\nselber verschuldet hat, und unbesehen seiner Staatsangehörigkeit oder seines aufenthaltsrechtlichen Status 20.\n\n3. Verwirklichung der Grundrechte (Art. 35 BV)\nNach Art. 35 Abs. 1 und 2 BV müssen die Grundrechte in der gesamten Rechtsordnung zur Geltung kommen; die Behörden sind gehalten, zu ihrer Verwirklichung beizutragen. Diese Grundsätze bringen zum Ausdruck, dass die Gewährleistung von\nGrundrechten das Fundament der Rechtsordnung eines föderalistischen und demokratischen Rechtsstaates sind. Demnach ist ihre Funktion sowohl defensiv, indem sie\nden Einfluss des Staates auf das Individuum beschränken, als auch positiv, indem\nsie den Staat zu einem Tun veranlassen 21. Abs. 1 der Bestimmung unterstreicht gemäss Bundesgericht «la portée générale de l'obligation de respect des droits fondamentaux, dont la réalisation s'impose à l'ensemble de l'ordre juridique» 22. So hielt\ndas Bundesgericht zu Abs. 2 fest, auch Stimmbürger nähmen als Organ der Gemeinde staatliche Aufgaben wahr und seien damit an die Grundrechte gebunden und\nverpflichtet, zu ihrer Verwirklichung beizutragen 23.\n15\nBGE 121 I 367 E. 2 S. 370ff.; Botschaft über eine neue Bundesverfassung vom 20. November 1996, BBl 1997 I\n149 f.\n16\nBGE 121 I 367 E. 2c S. 373.\n17\nBGE 122 II 193 E. 2b/cc S. 189; 130 I 75.\n18\nAB 1998 [Separatdruck] S 40f. Votum Inderkum und N 187f. Votum Koller.\n19\nBBl 1997 I 151; AUBERT/MAHON, a.a.O., Art. 12 Rz. 4.\n20\nBGE 121 I 367 E. 2d S. 374; THÜRER/AUBERT/MÜLLER, Verfassungsrecht der Schweiz, Zürich 2001, §34 Rz. 29.\nVgl. im Übrigen zur Tragweite von Art. 12 BV das Gutachten des Bundesamtes für Justiz vom 23.2.2005, «Révision partielle de la loi sur l'asile», an das Bundesamt für Migration.\n21\nBBl 1997 I 191.\n22\nBGE 126 II 324 E. 4.d S. 327.\n23\nBGE 129 I 217 E. 2.2.1 S. 225; BGE 129 I 232 E.3.4.2 S. 240.\n\nVPB/JAAC/GAAC 2008 20\nGutachten\n\nAus dem Gesagten folgt, dass gestützt auf diese Bestimmung die staatlichen Hoheitsträger verpflichtet sind, zur Verwirklichung der Grundrechte, Art. 11 und 12 BV\neingeschlossen, beizutragen. Mithin haben die Behörden dafür zu sorgen, dass die\nUnversehrtheit von Kindern und Jugendlichen besonders geschützt und das Grundrecht auf Hilfe in Notlagen tatsächlich und kindergerecht verwirklicht wird.\n\n"}