{"Signatur": "CH_VB_006", "Spider": "CH_VB", "Datum": "1989-04-26", "PDF": {"Datei": "CH_VB/CH_VB_006_JAAC-53-54--_1989-04-26.pdf", "URL": "https://www.amtsdruckschriften.bar.admin.ch/viewOrigDoc/150001061.pdf?ID=150001061", "Checksum": "814de782845cd579c0fb91bf18f3cd79"}, "Scrapedate": "2026-03-20", "Num": ["JAAC 53.54 \r"], "Kopfzeile": [{"Sprachen": ["de"], "Text": "Verwaltungspraxis der Bundesbehörden (1987-2017) EDA, Direktion für Völkerrecht (DV) 26.04.1989 JAAC 53.54 \r"}, {"Sprachen": ["fr"], "Text": "Jurisprudence des autorités administratives de la Confédération (1987-2017)  DFAE, Direction du droit international public 26.04.1989 JAAC 53.54 \r"}, {"Sprachen": ["it"], "Text": "Giurisprudenza delle autorità amministrative della Confederazione (1987-2017) DFAE Direzione del diritto internazionale pubblico (DDIP) 26.04.1989 JAAC 53.54 \r"}], "Meta": [{"Sprachen": ["de"], "Text": "Eidgenossenschaft Verwaltungspraxis der Bundesbehörden (1987-2017) EDA, Direktion für Völkerrecht (DV)"}, {"Sprachen": ["fr"], "Text": "Conféderation Jurisprudence des autorités administratives de la Confédération (1987-2017)  DFAE, Direction du droit international public"}, {"Sprachen": ["it"], "Text": "Confederazione Giurisprudenza delle autorità amministrative della Confederazione (1987-2017) DFAE Direzione del diritto internazionale pubblico (DDIP)"}], "ScrapyJob": "446973/70/126", "Zeit UTC": "20.03.2026 01:33:27", "Checksum": "181d45eb93e0256f785340ba2f1771be", "Chunktext": "Auszug aus dem Entscheid Verwaltungspraxis der Bundesbehörden (1987-2017) EDA, Direktion für Völkerrecht (DV) 26.04.1989 JAAC 53.54 \r\n\n 4\nSo hat zum Beispiel der Haager Ständige Internationale Gerichtshof (CPJI)\nin einem Gutachten vom 7. Juni 1932 betreffend die Freihandelszonen\n(«zones franches») von Haute-Savoie und Pays de Gex - ein die Schweiz direkt\nbetreffender Fall - folgendes erklärt[8]:\n«Il est constant que la France ne saurait se prévaloir de sa législation pour\nrestreindre la portée de ses obligations internationales.»\nEs ist hervorzuheben, dass der Grundsatz nicht nur für die Gesetzgebung,\nsondern auch für das Verfassungsrecht eines Staates gilt. Dies hat auch der\nHaager Gerichtshof in seinem Gutachten vom 4. Februar 1932 («affaire du\ntraitement des nationaux polonais») festgehalten[9]:\n«Un Etat ne saurait invoquer vis-à-vis d’un autre Etat sa propre constitution pour\nse soustraire aux obligations que lui impose le droit international ou les traités\nen vigueur.»\nDer Grundsatz vom Vorrang des Völkerrechts vor dem Landesrecht ist erst\nkürzlich wieder durch den Internationalen Gerichtshof (CIJ) bestätigt worden.\nIn seinem Gutachten vom 26. April 1988 in der «affaire de l’applicabilité de\nl’obligation d’arbitrage en vertu de la Section 21 de l’Accord du 26 juin 1947\nrelatif au siège de l’ONU» hat er ausgeführt: «Il suffirait de rappeler le principe\nfondamental en droit international de la prééminence de ce droit sur le droit\ninterne.»[10]\n\n5. Monismus und Dualismus im Licht der Verpflichtung,\nvölkerrechtliche Verträge nach Treu und Glauben zu erfüllen\n\nBekanntlich bilden Monismus und Dualismus die beiden Hauptlehren zum\nVerhältnis zwischen Völkerrecht und Landesrecht.\nIm Dualismus stellen Völkerrecht und Landesrecht zwei unterschiedliche,\ngetrennte Rechtsordnungen dar, die sich jede an unterschiedliche Adressaten\nrichten, keine Verbindungen untereinander haben und zwischen denen\nes infolgedessen auch keine direkten Konflikte geben kann. Gemäss\ndieser Auffassung braucht es einen besonderen Akt, damit eine Norm des\nVölkerrechts in das Landesrecht übergehen kann (Transformations- oder\nAdoptionstheorie). Die Transformation der völkerrechtlichen Regel in\ndas Landesrecht verleiht dem Vertrag Gesetzesrang. Die Anwendung der\nherkömmlichen Interpretationsgrundsätze (namentlich der lex posterior\n- Regel) führt zur Derogation des früheren, einem Gesetz gleichgestellten\nVertrages durch das spätere Gesetz.\nIm Monismus dagegen besteht zwischen Landesrecht und Völkerrecht\nEinheit und Wechselwirkung, da diese beiden Ordnungen als offene Systeme\nbetrachtet werden. Der Abschluss eines völkerrechtlichen Vertrages durch\neinen Staat lässt den Vertrag vom Zeitpunkt seines Inkrafttretens an\nBestandteil der Rechtsordnung des Staates werden. Der Monismus anerkennt\nallgemein den Vorrang des Völkerrechts vor dem Landesrecht als eine\nhierarchische Überordnung, die auf der Natur der völkerrechtlichen Norm\nbasiert. Diese Hierarchie schliesst die Anwendung der lex posterior - Regel zur\nLösung von Konflikten zwischen den zwei Arten von Normen aus[11].\n\n5\nObschon die Staaten im Prinzip frei sind, die Beziehungen zwischen\nVölkerrecht und Landesrecht zu regeln, «wie es ihnen beliebt», setzt ihnen das\nVölkerrecht doch exakte Grenzen, die im Ergebnis auf folgende unbedingte\nVerpflichtung hinauslaufen: Die völkerrechtliche Norm ist nach Treu und\nGlauben zu erfüllen, wie es Art. 26 und 27 VRK vorschreiben. Die Lehre stimmt\ndem zu[12]. Der Grundsatz von Treu und Glauben bildet in dieser Hinsicht das\nentscheidende Element. Der Internationale Gerichtshof selbst hat ihn in der\nSache Australien c/Frankreich (betreffend Nuklearversuche) angerufen[13]:\n«L’un des principes de base qui président à la création et à l’exécution\nd’obligations juridiques, quelle qu’en soit la source, est celui de la bonne\nfoi. La confiance réciproque est une condition inhérente de la coopération\ninternationale, surtout à une époque où, dans bien des domaines, cette\ncoopération devient de plus en plus indispensable.»\nDie völkerrechtliche Verpflichtung, Verträge nach Treu und Glauben zu\nerfüllen, stellt damit in der internationalen Rechtsordnung das Fundament\ndes Vorranges des Völkerrechts vor dem Landesrecht dar. Die nationalen\nRechtsordnungen, ob in dualistischer oder monistischer Tradition\nstehend, können sich nicht auf die beschränkten Sanktionsmöglichkeiten\ndes Völkerrechts im innerstaatlichen Bereich berufen, um absichtlich\nVölkerrechtsverletzungen zu begehen oder zu tolerieren - zum Beispiel durch\nden Erlass einseitiger gesetzgebender, administrativer oder richterlicher\nAkte, die gegen den entsprechenden Staat bindendes Völkerrecht verstossen.\nZumindest für Staaten mit monistischer Tradition bedeutet das traditionelle\nInstitut der völkerrechtlichen Verantwortlichkeit nur die ultima ratio (siehe\nunten, Ziff. 17.2). Dieses Institut kann die Staatsorgane (Legislative, Exekutive\nund Justiz) nicht von ihrer gemeinsamen Verantwortung entbinden, die\nvölkerrechtlichen Verpflichtungen des Staates strikte einzuhalten und im\nRahmen ihrer jeweiligen Kompetenzen darauf zu achten, dass sich das\nnationale Recht nach dem Völkerrecht richtet und nicht umgekehrt.\n\nIII. GRUNDLAGE DES PRINZIPS VOM VORRANG DES\nVÖLKER-RECHTS VOR DEM LANDESRECHT IN DER\nSCHWEIZERISCHEN RECHTSORDNUNG\n\n6. Rechtliche Grundlagen des Verhältnisses zwischen Völkerrecht\nund Landesrecht\n\n"}