{"Signatur": "CH_VB_006", "Spider": "CH_VB", "Datum": "2009-06-30", "PDF": {"Datei": "CH_VB/CH_VB_006_150000173_2009-06-30.pdf", "URL": "https://www.amtsdruckschriften.bar.admin.ch/viewOrigDoc/150000173.pdf?ID=150000173", "Checksum": "eb545584514055dab6f9e3e733b1e4e2"}, "Scrapedate": "2026-03-20", "Num": ["150000173"], "Kopfzeile": [{"Sprachen": ["de"], "Text": "Verwaltungspraxis der Bundesbehörden (1987-2017) EDA, Direktion für Völkerrecht (DV) 30.06.2009 150000173"}, {"Sprachen": ["fr"], "Text": "Jurisprudence des autorités administratives de la Confédération (1987-2017)  DFAE, Direction du droit international public 30.06.2009 150000173"}, {"Sprachen": ["it"], "Text": "Giurisprudenza delle autorità amministrative della Confederazione (1987-2017) DFAE Direzione del diritto internazionale pubblico (DDIP) 30.06.2009 150000173"}], "Meta": [{"Sprachen": ["de"], "Text": "Eidgenossenschaft Verwaltungspraxis der Bundesbehörden (1987-2017) EDA, Direktion für Völkerrecht (DV)"}, {"Sprachen": ["fr"], "Text": "Conféderation Jurisprudence des autorités administratives de la Confédération (1987-2017)  DFAE, Direction du droit international public"}, {"Sprachen": ["it"], "Text": "Confederazione Giurisprudenza delle autorità amministrative della Confederazione (1987-2017) DFAE Direzione del diritto internazionale pubblico (DDIP)"}, {"Sprachen": ["de", "fr", "it"], "Text": "DFJP, l’Office fédéral de la justice et Direction du droit international public du DFAE"}], "ScrapyJob": "446973/70/126", "Zeit UTC": "20.03.2026 01:18:53", "Checksum": "37589498f198c6d3544dd2c24a33b637", "Chunktext": "Auszug aus dem Entscheid Verwaltungspraxis der Bundesbehörden (1987-2017) EDA, Direktion für Völkerrecht (DV) 30.06.2009 150000173\n\n59\nDie übrigen Bestimmungen weichen in einzelnen Punkten von Art. 8 Abs. 2 EMRK ab. So fehlt z.B. in Art. 9\nEMRK (Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit) im Zusammenhang mit der öffentlichen Sicherheit das\nAdjektiv «national». In Art. 10 EMRK (Freiheit der Meinungsäusserung) ist neben der nationalen und der öffentlichen Sicherheit die «territoriale Unversehrtheit» eigens erwähnt.\n60\nVgl. SCHEFER, Beeinträchtigung, 74. Vgl. auch GRABENWARTER, EMRK, § 18 N. 7 ff.\n61\nVgl. auch SCHEFER, Beeinträchtigung, 78 f. – Die Zulässigkeit eines Grundrechtseingriffs scheitert im Verfahren\nvor dem EGMR nur sehr selten am Fehlen eines legitimen Ziels. Vgl. GRABENWARTER, EMRK, § 18 N. 13.\n62\nVgl. GRABENWARTER, EMRK, § 22 N. 36, 38 (mit weiteren Hinweisen).\n63\nVgl. GRABENWARTER, EMRK, § 18 N. 14 ff.\n64\nVgl. GRABENWARTER, EMRK, § 22 N. 38.\n65\nDies entspricht auch der Grundidee, wonach die EMRK einen europäischen Mindeststandard setzen soll, den\ndie einzelnen Vertragsstaaten nicht unterschreiten, aber durchaus überschreiten dürfen. Zum sog. Günstigkeitsprinzip (Art. 53 EMRK) vgl. GRABENWARTER, EMRK, § 2 N. 14, § 4 N 16; BGE 122 II 142.\n66\nMan denke etwa an den Fall Hertel betreffend die freie Meinungsäusserung (BGE 120 II 76, Urteil der I. Zivilabteilung vom 25. Februar 1994; EGMR, Urteil vom 25.8.1998, Recueil 1998-VI, 2298, BGE 125 III 185).\n67\nMan denke etwa an das Urteil des EGMR vom 29.4.1988 in Sachen Belilos (Série A, Nr. 132; EuGRZ 1989,\n21 ff.) betreffend Art. 6 Ziff. 1 EMRK.\n\nVPB/JAAC/GAAC 2009, Ausgabe vom 2. Dezember 2009 257\nGutachten Giovanni Biaggini\n\nsende Beurteilung abzugeben. Umgekehrt darf man davon ausgehen, dass der Strassburger Gerichtshof bei heiklen Bewertungs-, Prognose- und Abwägungsfragen, gerade auch im Sicherheitsbereich, den nationalen Behörden eine – mitunter beträchtliche – «marge d’appréciation» 68 zugesteht.\n\nVor diesem Hintergrund bietet es sich an, bei der Beurteilung der Grundrechtskonformität jeweils von\nder bundesgerichtlichen Maxime auszugehen, wonach die Grundrechte der Bundesverfassung heute\nin aller Regel mindestens soviel Schutz bieten wie die entsprechenden Garantien der EMRK. Auf allfällige Besonderheiten des Schutzes gemäss EMRK wird von Fall zu Fall einzugehen sein.\n\nII. Zur Frage der Grundrechtskonformität\nder Regelung betreffend die besonderen\nMittel der Informationsbeschaffung (Art.\n18a ff. E-BWIS)\n1. Rahmenbedingungen polizeilichen Handelns\na. Handeln unter Ungewissheit\nDie besonderen Mittel der Informationsbeschaffung (Art. 18a ff. E-BWIS) sollen eingesetzt werden\nkönnen, «wenn es für das Erkennen und Abwehren einer konkreten Gefahr für die innere oder äussere Sicherheit erforderlich ist».\n\nDie Ähnlichkeiten mit den (Zwangs-) Massnahmen des Strafprozessrechts sind nicht zu übersehen.\nEs handelt sich jedoch bei den hier interessierenden Instrumenten um eigenständige verwaltungsrechtliche Massnahmen im Bereich des präventiven (d.h. nicht des repressiven 69) Handelns.\nPräventives Handeln (Gefahrenabwehr) steht typischerweise unter Ungewissheitsbedingungen. Für\ndie zuständige Behörde resultiert daraus ein für das Recht der Gefahrenabwehr (Polizeirecht) typisches Dilemma, das sich nicht nur im Bereich der hier interessierenden «BWIS II»-Vorlage zeigt:\n- Auf der einen Seite hat die zuständige Behörde (gewöhnlich) einen gesetzlichen Auftrag, bestimmte Rechtsgüter zu schützen. Sie darf sich der Erfüllung ihres Auftrags nicht durch Untätigbleiben\nentziehen.\n- Auf der anderen Seite verfügt die Behörde (oft) nicht über die erforderlichen Kenntnisse, um verlässlich abschätzen zu können, wie gross die Gefahr ist.\n\nWer unter Unsicherheitsbedingungen handeln muss, läuft Gefahr, entweder zu wenig zu tun oder aber\nmehr zu tun als nötig (z.B. stärker als erforderlich in Grundrechte einzugreifen). Was richtig ist bzw.\ngewesen wäre, lässt sich oft auch im Rahmen einer Beurteilung ex post nicht abschliessend klären.\nIm Recht der Gefahrenabwehr wurden verschiedene Rechts- und Argumentationsfiguren entwickelt,\ndie sicherstellen sollen, dass polizeilich motiviertes staatliches Handeln in rechtsstaatlichdemokratischen Bahnen verläuft, insbesondere nicht über das an sich legitime Ziel hinausschiesst. Im\nVordergrund stehen:\n- das Erfordernis einer im Voraus – in Gestalt einer generell-abstrakt strukturierten Norm – möglichst\nklar definierten Eingriffsschwelle (Frage des Gefahrenbegriffs; vgl. hinten II.1.c.),\n- das Erfordernis des möglichst schonenden Eingriffs,\n- das Störerprinzip, wonach sich eine polizeiliche Massnahme gegen den Störer (und nicht gegen\nunbeteiligte Dritte) richten soll.\n\n68\nDazu etwa GRABENWARTER, EMRK, § 18 N. 20, § 22 N. 38. Der EGMR spricht in seinem Urteil vom 6. Juni\n2006, Segerstedt-Wiberg und andere gegen Schweden (Requête no 62332/00), § 104, von einer «ample marge\nd’appréciation» des Staates bei der Abwägung zwischen den «intérêts de la sécurité nationale et de la lutte\ncontre le terrorisme» einerseits und den Interessen von Einzelpersonen «à être informés de l’intégralité des informations les concernant conservées dans les fichiers de la Sûreté» andererseits.\n69\nZu dieser Grundunterscheidung vgl. z.B. HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, N. 2475 ff.; SCHOCH, N. 9 ff. Vgl. auch\nBotschaft «BWIS II», BBl 2007 5045 ff.; LOBSIGER, Grundaufgaben, in: SBVR III/1, 198 ff.\n\n"}