{"Signatur": "CH_VB_003", "Spider": "CH_VB", "Datum": "2006-11-16", "PDF": {"Datei": "CH_VB/CH_VB_003_150000002_2006-11-16.pdf", "URL": "https://www.amtsdruckschriften.bar.admin.ch/viewOrigDoc/150000002.pdf?ID=150000002", "Checksum": "240887a8e80d26875c3acc3981b34a41"}, "Scrapedate": "2026-03-20", "Num": ["150000002"], "Kopfzeile": [{"Sprachen": ["de"], "Text": "Verwaltungspraxis der Bundesbehörden (1987-2017) Bundesamt für Justiz, BJ 16.11.2006 150000002"}, {"Sprachen": ["fr"], "Text": "Jurisprudence des autorités administratives de la Confédération (1987-2017)  Office fédéral de la justice, OFJ 16.11.2006 150000002"}, {"Sprachen": ["it"], "Text": "Giurisprudenza delle autorità amministrative della Confederazione (1987-2017) Ufficio federale di giustizia, UFG 16.11.2006 150000002"}], "Meta": [{"Sprachen": ["de"], "Text": "Eidgenossenschaft Verwaltungspraxis der Bundesbehörden (1987-2017) Bundesamt für Justiz, BJ"}, {"Sprachen": ["fr"], "Text": "Conféderation Jurisprudence des autorités administratives de la Confédération (1987-2017)  Office fédéral de la justice, OFJ"}, {"Sprachen": ["it"], "Text": "Confederazione Giurisprudenza delle autorità amministrative della Confederazione (1987-2017) Ufficio federale di giustizia, UFG"}, {"Sprachen": ["de", "fr", "it"], "Text": "DFJP, Office fédéral de la justice"}], "ScrapyJob": "446973/70/126", "Zeit UTC": "20.03.2026 01:19:50", "Checksum": "79872b955b4789f2be875edb63e5ec33", "Chunktext": "Auszug aus dem Entscheid Verwaltungspraxis der Bundesbehörden (1987-2017) Bundesamt für Justiz, BJ 16.11.2006 150000002\n\n− Ausgangspunkt jeder Interpretation von (Verfassungs-)Normen ist der Wortlaut\n(grammatikalische Auslegung). Nach einem biologischen Begriffsverständnis ist der\nTerminus «Organismus» umfassend zu verstehen und bedeutet ein «tierisches oder\npflanzliches Lebewesen»24. Die Auslegung unter weiteren Aspekten zeigt allerdings\nrasch und eindeutig, dass der Verfassungsgeber von einem engen, «untechnischen»\nOrganismusbegriff ausging, der lediglich Mikroorganismen erfasst.\n\n− Einen ersten Beleg hierfür liefert die systematische Betrachtung, die andere\nVerfassungsbestimmungen in den Blick nimmt: So verwendet die Verfassung in Art.\n120 Abs. 2 Satz 1 BV (Gentechnologie im Ausserhumanbereich) einen engen\nOrganismusbegriff: «Der Bund erlässt Vorschriften über den Umgang mit Keim- und\nErbgut von Tieren, Pflanzen und anderen Organismen.» Der Verfassungsgeber macht\ndemnach eine klare Trennung zwischen Tieren (Wirbeltieren) und Organismen, die\n\n19\nBotschaft zu einer Änderung des Bundesgesetzes über den Umweltschutz (USG) vom 7.6.1993, BBl\n1993 II 1445 (1468).\n20\nEine weitere Stütze für dieses Argument liefert das systematische Auslegungselement im\nGentechnikgesetz: Art. 9 GTG, überschrieben mit dem Randtitel «Gentechnische Veränderungen\nvon Wirbeltieren», ist im 2. Kapitel des Gesetzes angesiedelt, das seinerseits den «Umgang mit\ngentechnisch veränderten Organismen» regelt.\n21\nVgl. auch Seiler, N. 2 zu den Vorbemerkungen zu Art. 29a–29h USG und N. 28 ff. zu Art. 29a USG,\nin: Vereinigung für Umweltrecht/Keller Helen (Hrsg.), Kommentar zum Umweltschutzgesetz, Zürich\n1985 ff. (Loseblatt).\n22\nVerordnung über den Umgang mit Organismen in der Umwelt vom 25.8.1999\n(Freisetzungsverordnung, FrSV; SR 814.911).\n23\nBundesgesetz über die Bekämpfung übertragbarer Krankheiten des Menschen vom 18.12.1970\n(Epidemiengesetz, EpG; SR 818.101).\n24\nVgl. Duden, Das grosse Fremdwörterbuch, 3. Auflage, Mannheim 2003, S. 967.\n\nVPB/JAAC/GAAC/PAAF 2007 208\nGutachten\n\nnach der herrschenden biologischen Klassifikation weder als Tiere noch als Pflanzen\nanzusprechen sind25.\n\n− Dass dem Art. 118 Abs. 2 lit. a BV derselbe (enge) Organismusbegriff zugrunde gelegt\nwurde, lässt sich – zumindest indirekt – durch historische Auslegung ermitteln. Diese\nstellt auf den historischen Willen des Verfassungsgebers ab, wie er sich aus den\nMaterialien zur Entstehung der betreffenden Norm ablesen lässt. In Bezug auf den\nOrganismusbegriff des Art. 118 Abs. 2 lit. a BV geben zwar weder die Botschaft des\nBundesrates noch die Protokolle der Ratsdebatten näheren Aufschluss26. Eine explizite\nAussage für oder gegen einen engen Organismusbegriff findet sich also nicht. Doch\ngerade in diesem Schweigen liegt ein zusätzliches Indiz für ein enges\nBegriffsverständnis. Ein bewusstes Abweichen vom Organismusbegriff des Art. 120 BV\nhätte nämlich in den Materialien seinen Niederschlag finden müssen.\n\n− Schliesslich führt auch eine Auslegung nach dem Sinn und Zweck der\nVerfassungsnorm (teleologisches Auslegungselement) zu keinem anderen Ergebnis:\nArt. 118 Abs. 2 lit. a BV bezweckt nämlich den Schutz des Verbrauchers. Dieser soll\nvor Waren und Gegenständen geschützt werden, mit denen grundsätzlich jedermann in\nBerührung kommen kann und die aufgrund ihrer Eigenschaften eine potentielle\nGefährdung der ganzen Bevölkerung darstellen. Die im Alltag wichtigsten Stoffe sind im\nVerfassungstext speziell erwähnt (Lebensmittel, Heilmittel, Betäubungsmittel und\nChemikalien)27. Mit den ebenfalls in dieser Aufzählung erwähnten Organismen sind\nvorab die Mikroorganismen gemeint, die namentlich im Verbund mit Lebens- und\nHeilmitteln eine potentielle Gefährdung darstellen und vor denen der Verbraucher\ngeschützt werden soll. Wirbeltiere, namentlich Hunde, in diesen Katalog einordnen zu\nwollen, befremdet. Hunde dürften nicht aufgrund ihrer (biologischen) Eigenschaften als\nvielmehr aufgrund ihres (aggressiven) Verhaltens eine Gefährdung für den Menschen\ndarstellen. Von Verbraucherschutz kann im Zusammenhang mit aggressiven Hunden\nnicht gesprochen werden.\n\nC. Zwischenergebnis\nEin eidgenössisches Hundegesetz, das Massnahmen enthält, die primär auf den Schutz des\nMenschen gerichtet sind, kann aus den dargelegten Gründen nicht auf Art. 80 BV oder Art.\n118 Abs. 2 lit. a BV abgestützt werden. Eine stillschweigende Bundeszuständigkeit kraft\nSachzusammenhangs fällt ebenfalls nicht in Betracht. Um den Bereich Schutz von und\ninsbesondere vor gefährlichen Tieren, namentlich Hunden, in einem Bundeserlass einheitlich\n\n25\nAubert Jean-François/Mahon Pascal (Anm. 9), N. 8 zu Art. 120 BV; Schweizer Rainer J., N. 10 zu\nArt. 120 BV, in: Ehrenzeller Bernhard et al. (Hrsg.), Die schweizerische Bundesverfassung,\nKommentar, Zürich/Lachen 2002.\n26\nBotschaft über eine neue Bundesverfassung vom 20.11.1996, BBl 1997 I 1 ff. (332 f.); Amtl. Bull. NR\n1998 339 ff.; StR 1998 95.\n27\nMader Luzius, N. 7 zu Art. 118 BV, in: Ehrenzeller Bernhard et al. (Hrsg.), Die schweizerische\nBundesverfassung, Kommentar, Zürich/Lachen 2002; ebenso die Botschaft über eine neue\nBundesverfassung vom 20.11.1996, BBl 1997 I 1 ff. (332).\n\nVPB/JAAC/GAAC/PAAF 2007 209\nGutachten\n\nzu regeln, bedarf es folglich wegen fehlender Bundeszuständigkeit einer Teilrevision der\nBundesverfassung (nachfolgend Ziff. IV.).\n\nIV. Ausblick\n\n"}