{"Signatur": "AG_SVWG_002", "Spider": "AG_Gerichte", "Datum": "2021-10-21", "PDF": {"Datei": "AG_Gerichte/AG_SVWG_002_3-BB-2020-9_2021-10-21.pdf", "URL": "https://decwork.ag.ch/api/main/v1/de/decrees_pdf/13434", "Checksum": "4898c37f3f14742bd9b7791c001ffdfa"}, "Scrapedate": "2026-09-03", "Scrapetime": "03:13:53", "Num": ["3-BB.2020.9"], "Kopfzeile": [{"Sprachen": ["de", "fr", "it"], "Text": "Aargau Spezialverwaltungsgericht Steuern 21.10.2021 3-BB.2020.9"}], "Meta": [{"Sprachen": ["de"], "Text": "Aargau Spezialverwaltungsgericht Steuern"}, {"Sprachen": ["fr"], "Text": "Argovie  Steuern"}, {"Sprachen": ["it"], "Text": "Argovia  Steuern"}, {"Sprachen": ["de", "fr", "it"], "Text": "Spezialverwaltungsgericht / Abteilung Steuern Spezialverwaltungsgericht / Abteilung Steuern"}], "ScrapyJob": "446973/34/2748", "Zeit UTC": "03.09.2026 03:13:53", "Checksum": "167b124d03c960261d8b1e89716397f0", "Chunktext": "Auszug aus dem Entscheid Aargau Spezialverwaltungsgericht Steuern 21.10.2021 3-BB.2020.9\n\n \"Im Falle eines Normenkonflikts zwischen dem Völkerrecht und einer späteren Gesetzgebung geht die Rechtsprechung grundsätzlich vom Vorrang\ndes Völkerrechts aus; vorbehalten bleibt gemäss der 'Schubert'-Praxis der\nFall, dass der Gesetzgeber einen Konflikt mit dem Völkerrecht ausdrücklich in Kauf genommen hat (BGE 99 Ib 39 E. 3 und 4 ['Schubert'];\nBGE 125 II 417 E. 4d S. 425 ['PKK']; 133 V 367 E. 11.1.1; BGE 136 III 168\nE. 3.3.4). Die Rechtsprechung hat die Anwendung der 'Schubert-Praxis' im\nFalle eines Widerspruchs zu Menschenrechtskonventionen\n(BGE 125 II 417 E. 4d; BGE 131 II 352 E. 1.3.1; BGE 136 II 241 E. 16.1)\n- 11 -\n\nverneint; die Frage in einem Einzelfall aber auch offengelassen\n(BGE 136 III 168 E. 3.3.4). In einem jüngsten Entscheid zur Problematik\nhat das Bundesgericht den Vorrang des Völkerrechts bzw. die Bindung an\ndieses bestätigt (BGE 138 II 524 E. 5.1): Besteht ein echter Normkonflikt\nzwischen Bundes- und Völkerrecht, so geht grundsätzlich die völkerrechtliche Verpflichtung der Schweiz vor (BGE 135 II 243 E. 3.1 S. 249;\nBGE 125 II 417 E. 4d S. 425); dies gilt selbst für Abkommen, die nicht\nMenschen- oder Grundrechte zum Gegenstand haben (BGE 136 II 241\nE. 16.1 S. 255; BGE 122 II 485 E. 3a S. 487; vgl. auch MÜLLER, Minarettverbot, a.a.O., Rz. 10 und BGE 139 I 16 S. 29). Der dargelegte Vorrang\nbesteht auch gegenüber späteren, d.h. nach der völkerrechtlichen Norm in\nKraft getretenen Bundesgesetzen; die Lex-posterior-Regel kommt im Verhältnis zwischen Völker- und Landesrecht nicht zur Anwendung\n(BGE 122 II 485 E. 3a S. 487). Die Schweiz kann sich nicht auf ihr innerstaatliches Recht berufen, um die Nichterfüllung eines Vertrags zu rechtfertigen (Art. 5 Abs. 4 BV; Art. 27 des Wiener Übereinkommens vom\n23. Mai 1969 über das Recht der Verträge [VRK; SR 0.111]; vgl.\nBGE 125 II 417 E. 4d S. 424 f.; BGE 122 II 234 E. 4e S. 239; ferner\nBGE 116 IV 262 E. 3b/cc S. 269; BGE 117 IV 124 E. 4b S. 128). Entsprechend bleibt eine dem Völkerrecht entgegenstehende Bundesgesetzgebung regelmässig unanwendbar (BGE 125 II 417 E. 4d S. 425;\nBGE 128 IV 201 E. 1.3 S. 205; vgl. auch HOTTELIER/MOCK/PUÉCHAVY,\na.a.O., S. 12 ff.; MÜLLER, Minarettverbot, a.a.O., Rz. 19 f.; COTTIER/\nHERTIG, a.a.O., S. 11, 17, 18 ff., 24).\"\n\nDer EMRK kommt aufgrund ihrer institutionellen Absicherung innerhalb des\nVölkerrechts zudem eine sehr starke Bedeutung zu (vgl. Ulrich Häfelin/\nWalter Haller/Helen Keller/Daniela Thurnherr, a.a.O., Rz. 1926a). So ist gemäss Bundesgericht bei Konflikten mit der EMRK auch die Rechtsprechung\ndes EGMR zu beachten (vgl. BGE 139 I 16, E. 5.3).\n\nAufgrund des Gesagten ist den Beschwerdeführern insofern zuzustimmen,\ndass Völkerrecht und insbesondere die in der EMRK festgehaltenen Menschenrechtsgarantien völkerrechtswidrigem Bundesrecht vorgehen. Da jedoch eine ungleiche Besteuerung von Ehegatten gegenüber Konkubinatspaaren Art. 8 EMRK von vornerein nicht verletzt (E. 4.3 ff.), kommt dem\nVorrang vorliegend keine Bedeutung zu.\n\n6.\nDer von den Beschwerdeführern als analog angeführte Fall des EGMR betrifft die ungleiche Behandlung zwischen Mann und Frau im Rahmen der\nWitwerrente gemäss dem Bundesgesetz über die Alters- und Hinterlassenenversicherung vom 20. Dezember 1946 (AHVG). Der dortige Beschwerdeführer rügte erfolgreich die Verletzung von Art. 8 in Verbindung\nmit Art. 14 EMRK, da die Auszahlung seiner Witwerrente bei Volljährigkeit\ndes jüngsten Kinds beendet wurde und eine Witwe in einer vergleichbaren\nSituation den Rentenanspruch nicht eingebüsst hätte (vgl. Urteil des EGMR\nvom 20. Oktober 2020, B. gegen die Schweiz, Nr. 78630/12). Der EGMR\nstellt fest, dass Massnahmen, die es einem Elternteil erlauben, zu Hause\nzu bleiben und sich um die Kinder zu kümmern, das Familienleben fördern\n- 12 -\n\nund sich auf dessen Organisation auswirken. Art. 8 in Verbindung mit\nArt. 14 EMRK sei dementsprechend anwendbar.\n\nDas Bundesgericht begründet die Ungleichbehandlung mit dem Anwendungsgebot von Bundesgesetzen gemäss Art. 190 BV (Urteil des Bundesgerichts vom 4. Mai 2012 [9C_617/2011] E. 3.5), was der EGMR als nicht\nangemessene Rechtfertigung beurteilt und somit eine Verletzung von Art. 8\nin Verbindung mit Art. 14 EMRK feststellt. Daraus können die Beschwerdeführer jedoch nichts zu ihren Gunsten ableiten, da die Ungleichbehandlung\nvon Ehegatten gegenüber Konkubinatspaaren bei der Besteuerung nicht\nals Anwendungsfall von Art. 8 in Verbindung mit Art. 14 EMRK qualifiziert.\nDies wurde sowohl durch das Bundesgericht als auch durch den EGMR in\nvergleichbaren Urteilen festgestellt (E. 4.4 f.).\n\n7.\nAufgrund der genannten Rechtsprechung und der Vergleichbarkeit der behandelten Fälle ist es wahrscheinlich, dass die Beschwerdeführer im Fall\neiner Beschwerde sowohl vor Bundesgericht als auch vor dem EGMR nicht\nerfolgreich wären.\n\n8.\nDamit erweist sich die Beschwerde als unbegründet und ist abzuweisen.\n\n9.\nBei diesem Verfahrensausgang haben die Beschwerdeführer die Kosten\ndes Beschwerdeverfahrens zu tragen (Art. 144 Abs. 1 DBG). Eine Parteientschädigung ist nicht auszurichten (Art. 144 Abs. 4 DBG).\n- 13 -\n\nDas Gericht erkennt:\n\n1.\nDie Beschwerde wird abgewiesen.\n\n2.\nDie Beschwerdeführer haben die Kosten des Beschwerdeverfahrens, bestehend aus einer Staatsgebühr von CHF 300.00, der Kanzleigebühr von\nCHF 170.00 und den Auslagen von CHF 100.00, zusammen CHF 570.00,\nunter solidarischer Haftbarkeit zu bezahlen.\n\n3.\nEs wird keine Parteikostenentschädigung ausgerichtet.\n\n"}